Artikel von „Maevan“ 7

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  • Das leise Knarren der Tür der Gaststube im Wirtsbereich ließ Valeria hochschrecken.
    Sie fuhr sich über die Augen.
    Sie hatte nicht geschlafen. Sie hatte bestimmt nicht geschlafen.
    Sie wäre nämlich doch irgendwie ganz arm dran, würde sie beim Warten aufs Elionsfest einschlafen. Wahrscheinlich hatte sie wirklich nicht geschlafen.
    Ein Glas Würzwein stand unberührt am Tresen vor ihr.
    Maelle, eine hochgewachsene Frau mit Haut wie aus Marmor und honigfarbenem Haar trat herein. Sie war schlichter gekleidet als sonst, trug ein einfaches, dunkelblaues Kleid, einen Mantel, die langen Haare locker im Nacken hochgebunden.
    Valeria betrachtete ihre beste Freundin schweigend; Maelle war sicher im gleichen Alter wie sie, nur ganz wenige, kaum erkennbare Lachfältchen zeigten sich um ihre grünen Augen, wenn sie sprach.
    „Da bist du ja.“
    „Natürlich.“, erwiderte Valeria und lächelte flüchtig.
    „Weißt du…“, Maelle zögerte, ehe sie tief Luft holte und ernst nickte, eine Hand in die schlanke Hüfte… [Weiterlesen]
  • Als der Wind sich drehte und eine Welle beißender Kälte durch das halb geöffnete Fenster der kleinen Wohnstube trieb,
    wusste Valeria, dass Amadeus auf dem Weg zu ihr. Bereits schon Stunden vorher war die Dunkelhaarige angespannt auf und ab gegangen,
    hatte aus dem Fenster gestarrt und an ihren Fingerspitzen gespielt, hatte gehofft, Balthasar würde rascher wieder von seinen
    Angelegenheiten zurück sein, wo er doch wusste, wie ungern sie zurzeit alleine war. Wie in der Einsamkeit die Wände fast
    unaufhörlich näher rückten und sie gefangen hielten wie ein Tier in der Falle.
    Das Klopfen war fast lautlos.
    Valeria öffnete die Tür und trat einen Schritt zurück; sie wusste, es hatte keinen Sinn, so zu tun, als wäre sie nicht da.
    Amadeus blieb für einige Momente wie ein alter, unverschämt talentierter Schauspieler posierend auf der Schwelle stehen.
    Nachdem er eingetreten war, sich umgesehen und falsche Komplimente gemacht hatte, ließ er sich breitbeinig auf einem der
    Stühle vor der hölzernen… [Weiterlesen]
  • „Hey“, sagte er und lächelte, als sie bei ihm angekommen war.
    Er war überrascht, aber sie hatte sich doch tatsächlich umgezogen – wer hätte das gedacht – und trug ein dunkelblaues Kleid und die braunen Haare zurückgeflochten,
    und obwohl es stark mit den müden, dunklen Augen und den Wangenknochen kontrastierte, passte es zu ihr.
    Sie wagte es nicht, ihm einen fragenden Blick zuzuwerfen.
    „Wunderschön.“, antwortete Balthasar trotzdem und grinste. „Und auch noch gekämmt. Ich gehe mit der schönsten Frau weit und breit zum Abendessen.“
    „Ich geb’ dir gleich gekämmt...“, knurrte Valeria und verschränkte die Arme vor der Brust, er schmunzelte, aber er sagte nichts weiter, und dann gingen sie nebeneinander her.
    Die Sonne stand tief am Horizont und nur die Wolken bewahrten Valeria vor dem klebrig aufdringlichen Gefühl eines kitschigen Sonnenuntergangs.
    Sie hasste Sonnenuntergänge.
    Sie waren immer so entsetzlich unangemessen.
    Heimlich fror sie. Sie hatte dieses dünne Kleid angezogen – es war… [Weiterlesen]
  • Das helle Geräusch der Absätze ihrer Stiefel hallte dumpf wieder, vermischte sich mit dem unterdrückten
    Kichern und dem unbeholfenen Flüstern Verliebter, die zusammen auf der Brücke Calpheons spazieren gingen.
    Valeria beobachtete sie, ohne ihren Schritt zu verlangsamen.
    Ein junger Mann mit großen blauen Augen versuchte die Hand eines Mädchens zu ergreifen; sie lachte nur
    und entzog sich seinem Griff spielerisch. Valeria wandte den Blick ab und zog den Mantel enger um ihren
    Körper. Ihre schmalen Hände krallten sich in den alten Stoff.
    Sie war gekommen, um die Asche von Liraz zu holen.
    Zugegeben, nachdem die junge Frau verschwunden war, hatten sich ihre Bemühungen, herauszufinden,
    wo und bei wem sie untergekommen war, in Grenzen gehalten. Erst, als sie fast zwei Wochen nicht mehr
    im Armenviertel anzutreffen gewesen war, hatte sie nach ihr gefragt. Und dann, als eine der anderen Huren
    von einem toten Mädchen im Fluß erzählte, wusste Valeria, dass es zu spät war.

    Natürlich hatte sie das… [Weiterlesen]
  • Wie stark muss man sein, um Schwäche zu zeigen?
    Wie kalt kann man sein, ohne ganz zu erfrieren?

    "Der Bernstein ist eigentlich gar kein Edelstein."
    Valeria sah durch den Spiegel, vor dem sie stand, zu ihm hinüber auf das Bett.
    Sie hielt in der Bewegung inne, ihre rechte Hand, die einen alten Zinnkamm führte,
    aus dem schon ein paar Zacken herausgebrochen waren, verharrte in der dichten Flut dunkelbrauner Haare.
    "Wie bitte?"
    "Der Bernstein.", wiederholte er geduldig und amüsiert.
    "Er ist kein Edelstein. Und doch wird er bewundert, weil die Eigenschaft hat,
    das Leben in sich einzuschließen. Unsterblich zu machen und einzufrieren."
    Sie sah, wie er lauernd lächelte.
    Balthasar.

    Balthasar war ein verdammt schöner Name.
    Fast etwas hoheitsvoll, wie der Name eines Königs.
    Elegant und klangvoll verbot er es fast von selbst, ihn geringschätzig auszusprechen.
    Disziplin und Stolz in jedem Buchstaben verankert.
    Und er gehörte zu einem Mann mit so blasser Haut wie eine Schwertklinge.
    Sein Haar war… [Weiterlesen]
  • Calpheon, 6 Jahre zuvor.

    Ihr war kalt. So verdammt kalt.
    Es war ihr erster Winter auf der Straße und es war ein harter noch dazu.
    Nicht, dass es im Sommer leichter war. Leicht war es niemals, würde es niemals werden,
    auch wenn die Frauen, die sie hier und dort an mancher Straßenecke kennen gelernt hatte,
    etwas anderes behaupteten. Aber wenn man sonst nichts mehr hatte, waren Lügen das
    einzige, woran man sich klammern konnte, Valeria wusste das mittlerweile.
    Sie stand fröstelnd an einer Hausmauer, bis sie eine dunkle Kutsche bemerkte, die
    vor ihr hielt. Die junge Frau sah auf, trat ein paar Schritte vor, fühlte, wie der abschätzende
    Blick des Kutschers sie wie ein Stück Fleisch abtastete. Es schien fast, als könne er ihre
    Unerfahrenheit, ihre Unsicherheit und ihre Angst riechen. Dann ein feistes Grinsen, er stieg
    hinab und öffnete ihr die Tür. Überrascht stellte Valeria fest, dass das Innere des Wagens leer war.
    "Ein Beutel Münzen.", nannte der Mann knapp den Lohn und fügte erst,… [Weiterlesen]
  • Konzentriert beugte sie sich weiter vor, griff nach dem Pinsel und tauchte in langsam in die dunkelrote Farbe, die sie auf dem Markt erstanden hatte.
    Die dickflüssige Creme gab kurz nach, bevor der Pinsel in ihr versank und sich einen Wimpernschlag später wieder hob. Sorgfältig setzte der Pinsel
    auf ihrer Oberlippe an und begann langsam und präzise, die Lippen mit einem matten Dunkelrot zu bemalen.
    Strich für Strich.
    Vorsichtiger am Rand, es sollte doch perfekt aussehen.
    Nachgebessert, wenn es ihr zu unregelmäßig erschien.
    Dann die müden, braunen Augen. Mit beinahe verbissener Aufmerksamkeit nutzte sie schwarze Kohlefarbe, zog mit ebenjener
    bedächtig die sonst eher blassen Augenbrauen nach. Schließlich griff sie nach dem Rouge und hielt inne.
    Das dunkelbraune, glatte Haar fiel ihr locker hochgesteckt in den Nacken.
    Sie bestarrte ihr Spiegelbild und spürte wie jeden Abend Erleichterung.
    Erleichterung, weil sie wusste, dass sie sich einmal öfter nicht wieder erkannt hätte, so stark… [Weiterlesen]