Artikel von „Katzington“ 9

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  • Die Nacht war herein gebrochen und lockte die Stille des Schlafes übers Land. In der Ferne, dort wo am Fuße des Hanges die tiefgrauen Gemäuer Calpheon begannen, war an Ruhe noch immer nicht zu denken. Ganz im Zeichen des göttlichen Lichtbringers, hatten die Bewohner es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Nacht aus den Mauern zu sperren.
    Öllampen und Feuerschalen erhellten vor allem den großen Platz vor der Kathedrale, damit sich auch ja kein Schatten darauf wagte und dem Glanz der Glaubenszuflucht einen Makel andichtete. So zogen sich die Lichter weiter in die Stadt, bis an den Rand des Armenviertels - dass einzige, wo nur wenige Fackeln der Nacht trotzten und nicht mehr wie verblassende Glühwürmchen wirkten.

    Seit der Dämmerung harrten die beiden Frauen weit oben am Hang, im Schutze der Bäume. Schweigend hatten sie beobachtet, wie der Abend seinen dunklen Nachtmantel ausbreitete und wie nach und nach die tausend kleinen Lichter dagegen ankämpften.
    Aus der Ferne hatte es etwas… [Weiterlesen]
  • "wenn du drei Wünsche offen hättest, was würdest du dir wünschen? Wonach begehrt dein Herz?"

    Gredicci zeigte seltene Neugier beim betrachten seiner Gesprächspartnerin, deren ohnehin grimmiger Gesichtsausdruck sich noch einmal verfinsterte. Im Schein der Tischkerze, wirkte das dunkle Rot der fein geschwungenen Brauen wie mit Blut gemalt und verbunden mit den harten Schatten auf schmalen Zügen, war er nicht sicher ob er dem Abbild eine gewisse Erotik, oder Gefahr entnehmen sollte. Wahrscheinlich eine ungesunde Mischung aus beidem, die sich zum tödlichen Lockruf erhob, als ihre Antwort erklang.

    "Dich töten. Wiederbeleben und noch mal töten."
    "Nicht sehr weitsichtig und ein kurzes Vergnügen."
    "Nichts anderes bin ich von euch Männern gewohnt."
    "Du könntest mehr haben..."
    "Nicht bei deiner kurzen Lebenserwartung."

    Nun war Gredicci an der Reihe, stillen Grimm zuzulassen, auch wenn er dem Spitzohr vor sich damit seinen Triumph gewährte. Und sie genoss ihn, davon kündete der sinnliche… [Weiterlesen]
  • "Du bist genau die Sorte Frau, vor der mich mein alter Herr gewarnt hat."
    Grediccis Schmunzeln klang greifbar in den Worten mit, bevor er sie mit einem stummen Prost seines Bieres abschloss und davon trank.
    Er war ein besonnener Mann. Ein attraktiver noch dazu - zumindestens für die Maßstäbe der hiesigen Damen. Als Spieler und Charmeur verschrien, hatte er unter manchen Rock blicken dürfen und war fast ebenso oft von den Männern besagter Damen wieder fort gescheucht worden. Auch mit ihr hatte er seine Spielchen erprobt und sie gab zu: er hatte gut gespielt. Womöglich hätte er auch sie zur Liste seiner Eroberungen hinzu zählen können, gäbe es bei ihr fruchtbaren Nährboden dafür.
    Dummerweise hatte er ihn nie gefunden.
    Dieses Phänomen war wie eine Kette für ihn gewesen, derer er sich erst mit der Lösung dieses einen Rätsels entledigen konnte. Zuerst nahm er an, sie wäre dem weiblichen Geschlecht zugetan und sah die Herausforderung darin, ihr wieder den Mann schmackhaft zu machen-… [Weiterlesen]
  • "ich habe geträumt..."
    Leise Faszination schwang in den Worten mit, die gerade laut genug geflüstert wurden, um das leise rasseln einer schwer arbeitenden Lunge zu übertönen.
    Es war nicht ihre, doch insgeheim wünschte sie es sich, damit das bangen um das eine Leben das ihr am wichtigsten war, endlich endete.
    Ob er sich damals auch so gefühlt hatte?
    "Vom alten Pachi habe ich geträumt, erinnerst du dich? Der Bäcker an der Ecke zur Würzgasse."
    Die Antwort war nicht mehr als ein weiterer, schwerer Atemzug, der viel zu laut und alarmierend von den reich behangenen Wänden wiederhallte.

    In aller Seelenruhe tasteten ihre Finger nach dem Glas der Fensterscheibe, in dem sich ihr Ebenbild verzerrt spiegelte. Das Werk zahlreicher Tropfen, die der Regen am Nachmittag dort hinterlassen hatte und nun, vereint mit der grauen Dämmerung, keine klare Linie ihres Angesichts zuließ. Vielleicht war es besser so, denn aktuell konnte sie sich selbst nicht in die Augen sehen.
    Ob sie versagt hatte?
    "Er hat… [Weiterlesen]
  • Aus verengten Augen betrachtete sie ihr Spiegelbild und die so fremd wirkende Erscheinung. Der Versuch, sie mit ihrem Wesen, ihrem Sein zu vereinbaren, war früh gescheitert und so blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr entfremdetes selbst genau zu studieren.
    Die schmalen Schultern hatte sie angezogen, was die dünnen Knochen unter der hellen Haut noch stärker hervor stechen ließ. Am Ende des Schüsselbeines, wo der feine Bogen sich in die Höhe reckte wie scheue Schwingen, wirkte es sogar so, als wolle ihr Skelett das Hindernis viel zu dünner Haut überwinden und hindurch stechen. Tatsächlich war diese eine Sache gegenwärtig das einzige, was ihr gefiel am Anblick des Mädchens im Spiegel.

    Die einstmals reine, unschuldige Porzellanhaut hatte ihren lieblichen Ton weisser Rosenblätter verloren und wirkte kränklich blass, aschfahl. Übersäht von den zahlreichen Blessuren und Schrammen, die spottende Kontrastflecken darauf brachten, hätte sie auch eine Tote sein können. Ähnlich… [Weiterlesen]
  • Laut hallte der Knall durch das Treppenhaus, dicht gefolgt vom Klang des brechendes Gefäßes, dessen Scherben nach dem Aufprall an der Wand, zu Boden klirrten. Nicht lange und ein neuerlicher, dumpfer Knall ertönte, als auch der Wasserbecher dem vermeintlichen Übeltäter und Schänder hinterher flog. Es war das Lied der Raserei, durchzogen vom fauchenden Wehklagen einer jungen Kehle, die damit die neue, dreckige Welt begrüßte.
    Die Patientin war also erwacht und hatte den garstigen Krenstantin für einen Moment in die Flucht geschlagen, in seinen Händen noch das Verbandsmaterial und Lavendelöl, was beides eigentlich ans verwundete Mädchen sollte.

    "S' is endlich wach?" Eine wohlbekannte und auch vertraute Stimme für den Arzt die da erklang und den Hausherren ankündigte. Schon jetzt klang die Stimme verraucht, gewann damit aber auch erst ihren eigentümlichen, dunklen Charme, der seiner widerlichen Fratze spottete. Wo das Auge vom Anblick der entstellten Gesichtshälfte mit ihrem… [Weiterlesen]
  • Die Sonne war unlängst untergegangen, als sie endlich an die Schwelle des Hauses trat. Unheilschwanger flüsterte die Anschuldigung durch ihren Geist und fügte sich allzu harmonisch dem verseuchten Land das sie umgab. Jemand mit einem gesünderen Geist, im Stande dem natürlichen Überlebensinstinkt zu folgen, wäre niemals hier her gezogen. Der kränkliche Todesgriff der Nordseuche war unlängst hier angekommen, hatte den Hof zersetzt und seine Bewohner weiter in den Süden vertrieben, damit es vor ihnen andere erwischte.
    Das war klug gewesen und eine weise Entscheidung, bedachte man, welche Qualen die Opfer litten. Auch jetzt vernahm sie in der Ferne das Wispern von Krankheit und Verderbnis, manifestiert in einem flehenden Hundeheulen, in dem das Wimmern der Kranken aus dem Lager lag.
    Eingepfercht wie Tiere, warteten sie dort im Troste mancher Priester, wie Vieh auf der Schlachtbank. Täglich starb mindestens einer, meistens zwei; mit ihnen stets ein Stück der Hoffnung derer, die zum… [Weiterlesen]
  • Eisig heulte der Nachtwind durch die kleine Gasse und verschluckte das gierige Fiepen einer Ratte in den Schatten fast zur Gänze.
    Es war kein besonderer Abend im ärmsten Viertel Calpheons, obgleich auch selten ruhig. Für wenige Stunden nur, hatten sich die laustarken Aufstände und Proteste, zum unterschwelligen Grollen im Gedärm der Stadtmauern herab gesenkt und es war schwer zu sagen, ob das nicht sogar gefährlicher war, als laute Stimmen die sich verrieten und Angriffsfläche boten.

    Verheißungsvoll pfiff der Wind unter den Hürden scharfkantiger Häuserecken, um die eine Gestalt weit leiser in seinem Schatten schritt. Lautlos gar, wo sich das leise knarzen vom dünnen Leder und weicher Stofflagen die übereinander strichen, im Windesflüstern und dem husten kranker Wesen verlor. Auch der verräterisch süße Qualm der sie umgab, war zur Flüchtigkeit in den kalten Böen verdammt, wann immer das gedrehte Tabakröllchen an die Lippen geführt wurde. Die Hektik des Tages schien zu… [Weiterlesen]
  • Alfredo Costa war ein guter Mann gewesen.
    Ein Urgestein der Stadt, obgleich nur ein kleines Licht in seinem Meer. Er hatte die Glanzzeiten gesehen und auch den Fall seines Viertels, dem er trotz der steigenden Armut, stets die Treue gehalten hatte. Fand er in mancher Munde Erwähnung, dann nannte man ihn nur den alten Costa und jeder wusste wer gemeint war. Oder man nannte ihn nur den alten Krämer, denn als dieser war er bekannt.
    Sein Geschäft war wahrlich nicht groß, noch gut gelegen - doch die meisten wussten, wo man ihn fand. Der alte Costa war ein fairer Mann, dass wussten alle und obwohl er mancher Seele einen Abschlag gewährte, ließ er sich keineswegs ausnutzen.
    Er schien stets zu wissen, wer seine Versprechen hielt und wem er vertrauen durfte im Geschäft und lange Zeit flüsterte man sogar von einem übernatürlichen Sinn, bewies er doch häufiges Glück beim erkennen der Taugenichtse und Halunken.

    Weit weniger glücklich war es um seine Familie bestellt, derer große Teile, ihre… [Weiterlesen]