Blut & Sand, Teil 6

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  • In einem fernen Land im Jahr 94

    Acht Tage waren seit Dormas‘ Ankündigung vergangen. Obwohl die Schüler die Freiheit hatten, auf ihre eigene Art und Weise zu üben, ging das Leben in der Sekolah beinahe wie gewohnt weiter. Jeder wollte in den letzten Tagen noch das Bisschen lernen, das zum Sieg führen würde. Und so setzten Raskus, Markas und Abitheya auch die abendlichen Lektionen fort.

    „Nein! Wenn ich die Drehung mache und nach links abwehre, dann…“, gab Abitheya lautstark und erhitzt von sich.
    „Ich geh dann mal“, meinte Raskus resignierend zu Markas, zuckte mit den Schultern und setzte seine Worte in die Tat um. Abitheya warf ihm einen zornigen Blick hinterher, da er es wagte, sie zu unterbrechen. Doch die Mühe war vergebens.
    „…dann kann ich keinen Konter setzen. Geht das in deinen Kopf nicht rein?!“, führte sie ihre Worte zu Ende. Markas schüttelt den Kopf. Im Gegensatz zu ihr war er ruhig, aber bestimmt.
    „Ja, vielleicht kannst du keinen Konter setzen, aber du machst deine Flanke nicht auf. Jeder Gladiator, der etwas auf sich hält, würde das erkennen.“
    „Unsinn!“, schimpfte sie zurück. Dass er so ruhig blieb, störte sie noch viel mehr, als der Umstand, dass er vermutlich Recht hatte.
    „Das ist kein Unsinn“, entgegnete Markas und näherte sich ihr. Er tippte mit seinem Übungsschwert gegen ihre Seite. „Genau hier würde ich dich treffen.“

    Sie starrte ihn gereizt an, wusste jedoch nicht, was sie entgegnen sollte. Also blieb es bei dem Starren. Er hingegen lachte und drückte das Holz etwas fester gegen ihre Rippen. „Deine Sturheit wird dich noch das Leben kosten.“
    Sie stieß das Schwert zur Seite. „Lass das!“
    „Was?“, meinte er neckend, ohne jedoch einen Rückzieher zu machen.
    „Der Sand soll dich verschlingen“, brummte sie und wandte sich ab, um ihre Waffen wegzuräumen. Als sie zur Baracke gehen wollte, stellte sich Markas ihr in den Weg.
    „Du bist ziemlich angespannt“, stellte er fest. Seine Stimme und sein Blick wurden dabei ernster.
    „Bin ich“, entgegnete sie knapp und ging an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er sich an ihre Fersen heftete.
    „Warum? Du bist gut, du bist eine der Besten, du musst nicht angespannt sein, Theya.“
    „Bin ich aber.“ Sie beschleunigte ihre Schritte, denn sie hatte keine Lust, darüber zu reden. Es störte sie selbst, dass sie nicht locker bleiben konnte, denn Anspannung verleitete wie Zorn oder Wut zu Fehler. Sie betrat den Waschraum. Die Öllampe brannte noch. Markas blieb im Durchgang stehen und lehnte sich lässig an. „Nun, ich wüsste, was man dagegen tun könnte, Spitzohr.“

    Anfangs hatte sie sich sehr an dem Spitznamen gestört, doch Markas war hartnäckig geblieben und außerdem sprach er es nicht verletzend aus. Im Gegenteil, eines Tages hatte er ihr erklärt, dass er ihre spitz zulaufenden Ohren attraktiv findet und Spitzohr somit keine Beleidigung sein konnte. Seitdem war es wie eine stille Vereinbarung. Wenn er sie so nannte, wollte er mit ihr schlafen.
    Sie schüttelte den Kopf zu Antwort. „Ich will Ruhe, Markas.“
    Er zuckte leicht mit den Schultern. Die Zurückweisung störte ihn nicht, denn auch das war bei beiden schon öfters vorgekommen und sie respektierten es. Wahrscheinlich hatte er sogar mit der Ablehnung gerechnet.
    „Dann lass ich dich eben alleine.“

    Als Abitheya im Wasser saß, schloss sie die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Sie genoss die Stille und die Anspannung ließ nach. Sie wusste, dass sie Markas ungerecht behandelt hatte, denn er tat, was er konnte, um ihr zu helfen. Sie bedauerte es sogar, ihn einfach so weggeschickt zu haben. Doch nichts in der Welt würde sie dazu bringen, das zuzugeben, also machte sie das Beste aus der Situation.
    Ein würgendes Geräusch ließ sie aufschrecken. Sie war eingeschlafen. Erneut hörte sie das Geräusch. Schnell stieg sie aus dem Wasser und ohne sich abzutrocknen, zog sie ihre Kleidung wieder an.

    Als sie eilig aus dem Waschraum trat, sah sie Jannick, der Raskus fest in einem Würgegriff hielt. Raskus‘ Kopf war hochrot, seine Augen hervorgequollen und die Lippen bereits blau.
    „Dormas!“, rief sie nach dem Ausbilder und stürzte sich auf Jannick. Er ließ los und wich zurück. Raskus fiel auf die Knie, hustete und würgte, während er nach Luft schnappte.
    „Gut, dass du hier bist“, meinte Jannick, selbst fest schnaufend. Er schob sich eine blonde Strähne hinter sein Ohr. „Raskus hat mich einfach so angefallen.“
    „Lügner“, krähte der Beschuldigte noch bevor Abitheya etwas darauf erwidern konnte und löste damit einen weiteren Hustenanfall aus. In diesem Moment kam Dormas herbeigelaufen, sein Schwert bereits in der Hand.
    „Was geht hier vor?“, verlangte er zu wissen. Jannick zeigte mit dem Finger auf Raskus. „Er hat mich angegriffen. Zum Glück ist er mir unterlegen, sodass ich mich wehren konnte.“
    Dormas hob zweifelnd eine Augenbraue und musterte Raskus, der den Kopf schüttelte. Dann sah er zu Abitheya. „Und was tust du hier?“
    „Ich habe etwas gehört und bin nachsehen gegangen“, erklärte sie. „Dann habe ich die beiden entdeckt. Jannick hatte Raskus im Würgegriff.“
    „Er hat mich angegriffen“, krächzte Raskus.

    „Es steht also Aussage gegen Aussage“, meinte Dormas kühl, steckte sein Schwert weg und betrachtete die beiden jungen Männer abschätzig. „Abitheya, bring Raskus zum Medicus. Ich unterhalte mich mit Jannick.“
    Sie nickte und half Raskus auf. Er rieb sich den geröteten Hals. Sie gingen zum Ausgang der Baracke. Die Hauswache stand auf der anderen Seite der Gittertür und musterte die beiden.
    „Ich soll ihn zum Medicus bringen“, erklärte sie dem Aufseher. Daraufhin sperrte er die Tür auf und ließ die beiden durch. Gefolgt von der Wache durchquerten sie den Gang, wobei Abitheya eine Spur aus Wassertropfen hinterließ. Sie betraten den Raum am anderen Ende und Raskus legte sich auf das Bett. Die Wache schnallte ihn fest und rief nach dem Medicus.
    „Jannick hat dich angegriffen?“, wollte Abitheya von Raskus wissen.
    „Ja“, meinte er tonlos. „Er lauerte mir auf und nahm mich in den Würgegriff. Es ging so schnell, ich konnte nichts tun.“
    Der Medicus trat ein und verscheuchte die Wache und Abitheya. Sie musste in die Baracke zurückkehren. Dort angekommen, rauschte Dormas ohne ein Wort zu verlieren an ihr vorbei. Sie blickte dem Ausbildner kurz nach und ging zu den Zellen. Jannick lehnte noch am Gang an der Wand. Erst jetzt bemerkte sie, dass er am Oberschenkel blutete. Er presste eine Hand auf die Wunde.
    „Dormas‘ Strafe kommt rasch, hm?“, meinte sie zu ihm, doch er schüttelte den Kopf. „Das war Raskus. Er hatte einen scharfen Gegenstand. Ich weiß nicht genau, was es war. Ich hatte Glück, dass er mich nicht schlimmer erwischt hat.“

    Zu überrascht, um etwas dazu zu sagen, betrat sie ihre Zelle. Hatte Jannick wirklich die Wahrheit gesagt und war Raskus der Angreifer? Sie konnte es nicht glauben, aber er war tatsächlich verletzt. Auf jeden Fall würde sie wachsam bleiben.

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