Blut & Sand, Teil 7

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  • In einem fernen Land im Jahr 94

    Abitheya stand mit vier weiteren Schülern am Rand des Übungsplatzes. Sie alle waren verschwitzt von den vorausgehenden Kämpfen, manche bluteten aus leichten Verletzungen. Auch sie hatte sich einen Schnitt an der Wade zugezogen und das Blut lief langsam über das Bein hinab bis in die Sandalen. Jeder einzelne Schüler musste am heutigen Tage vier Kämpfe gegen andere Schüler bestreiten. Für einen Sieg gab es zwei Punkte für ein Unentschieden einen Punkt und für eine Niederlage keinen Punkt. Die vier Schüler mit den meisten Punkten würden Gladiatoren werden.

    Am Morgen hatte Abitheya den ersten Kampf ausgetragen und einen schnellen Sieg erlangt, indem sie Severinus entwaffnete. Später musste sie gegen Jannick antreten und eine Niederlage hinnehmen. Er war es auch, der ihr die Wunde zugefügt hatte. Den dritten Kampf brachte sie kürzlich hinter sich und nach über zehn Minuten würde er für unentschieden erklärt. Somit erlangte sie drei Punkte.

    Im Augenblick trat Jannick gegen Angiros an. Es war der vorletzte Kampf und er dauerte schon eine Weile. Dormas stand auf der Gegenüberliegenden Seite des Platzes und beobachtete als Kampfrichter das Geschehen. Zuerst glaubte Abitheya, dass Jannick erneut verlieren würde. Dann hätte er nur gegen sie gewonnen und das wäre zu wenig. Doch je länger das Duell andauerte, desto mehr erlangte der blonde Mann die Oberhand. Angiros schnaufte heftig und konnte das Schild kaum noch hochhalten. In einem Akt der Verzweiflung ließ er schlussendlich seine Deckung fallen und ging voll in die Offensive, um Jannicks Zermürbungstaktik zu beenden. Doch es schien, als hätte dieser nur darauf gewartet und mit einem kraftvollen horizontalen Schwung durchschnitt sein Schwert Angiros‘ Kehle. Ein Schlag mit dem Schild schickte den tödlich Verwundeten zu Boden.

    Brüllend riss der Blonde sein Schwert in die Luft, eine Geste des Triumphs. Angiros röchelte und der Sand unter ihm färbte sich rot, während sein Leben aus ihm wich. Stille kehrte ein und die Schüler am Rand warfen sich ernste bis erschrockene Blicke zu. Angiros galt als ein Freund Jannicks und hätte bestimmt auch besiegt werden können, ohne dass sein Leben verwirken musste. Dormas machte sich eine kurze Notiz und gab ein Handzeichen, damit zwei Sklaven den toten Körper wegbrachten.
    „Jannick ist der Sieger und hat nun vier Punkte“, sprach er und trat vor. „Kommen wir zum letzten Entscheidungskampf.“

    Abitheya wusste, dass sie noch kämpfen musste, hatte jedoch den Überblick darüber verloren, wer ebenfalls erst drei Duelle bestritten hatte.
    „Es treten an: Abitheya und Markas!“, verkündete Dormas und deutete auf die beiden. Das konnte nicht sein. Warum musste sie gegen Markas antreten? Sie wusste, dass sie den Kampf nicht gewinnen konnte und ohne Sieg würde sie nicht zu den besten vier gehören. Sie stellte sich Markas gegenüber und sah ihn an. Sein Blick war ausdruckslos, nur die zusammengepressten Lippen verrieten seine Anspannung. Sie nahmen ihre Waffen entgegen. Schwert und Schild für Markas, Schwert und Dolch für Abitheya. Dormas hob die rechte Hand und zog sie in einem Bogen nach unten. „Beginnt!“

    Markas hob sein Schild an und nahm eine Verteidigungsstellung ein.
    „Danke für all deine Unterweisungen, Markas“, sprach Abitheya und nahm ebenfalls Kampfstellung ein. Dabei spürte sie das Pochen in der Wade. Doch darum machte sie sich keine Sorgen. Der Kampf würde schnell enden und ebenso ihre Zukunft als eine Gladiatorin. Aus dem befreundeten Trio hätte es dann nur Markas geschafft, denn Raskus durfte nicht antreten. Bei ihm wurde letztens eine kleine Klinge gefunden, die Jannicks Aussage darüber, dass Raskus ihn angegriffen hatte, unterstütze.

    Abitheya verbannte sämtliche Gedanken aus ihrem Kopf und griff an. Wie sie es gelernt hatte, schlug sie mit dem Schwert zu und fing Markas Klinge mit ihrem Dolch ab. Es forderte viel Geschick aber weniger Kraft, als mit dem Schwert gegenzuhalten. Markas blockte ihre Angriffe mit seinem Schild und verpasste ihr nach dem ersten Ansturm einen schmerzhaften Tritt gegen ihren Oberschenkel. Ein wenig tiefer und er hätte ihr Knie getroffen und es wahrscheinlich zertrümmert.
    Nun war er in der Offensive und drängte sie zurück. Erstaunlicherweise konnte sie jeden seiner Angriffe aus seiner Körperhaltung herauslesen und wieder die Initiative ergreifen. Sie tänzelte um ihn herum und versetzte Hiebe und Stiche mit ihren Waffen. Markas kam in Bedrängnis und konnte mit seiner Abwehr nicht ganz mithalten, sodass ihr Dolch seinen Rücken aufschlitzte. Der Schnitt war nicht tief, und der Kampf ging weiter. Markas setzte seine Kraft erneut gegen sie ein.

    Abitheya schnaufte laut und Schweiß tropfte zu Boden. Ihre Wade war mittlerweile Blutverschmiert und ihr linker Arm sah kaum besser aus. Markas Klinge hatte ihr zahlreiche kleinere Verletzungen beigebracht. Doch noch konnte sie kämpfen, es war nicht verloren. Auch er atmete schnell und neben der Rückenverletzung zittere sein linkes Bein, das einen Tritt gegen das Schienbein einstecken musste. Er blieb in der Verteidigung, denn er wusste, dass sie angreifen musste. Sie brauchte den Sieg. Also blieb ihr nichts Anderes übrig und sie stürmte wieder los. Mit ihrem Dolch hielt sie seine Klinge im Schach und wollte mit dem Schwert einen Schlag über seinen Schild führen, doch er schüttelte sie ab und warf sie zu Boden. Ihr wurde schwarz vor den Augen. Sie wusste, dass das Ende des Kampfs kam und sie verloren hatte.

    Eine eigenartige Berührung ihrer Füße ließ sie aufblicken. Gerade rechtzeitig, um zu erkennen, dass Markas über ihre Beine gestolpert war und fiel. Sie rollte sich weg und schlug mit der linken Hand nach ihm. Ihr Dolch durchstieß weiches Fleisch und Markas brüllte neben ihr vor Schmerz auf. Abitheya drehte sich und sah, dass er auf dem Bauch und auf seinem Schild lag und ihr Dolch in seinem Bein steckte. Er gab das Zeichen der Niederlage, denn mit einer Armbewegung könnte sie seinen gesamten Schenkel aufschlitzen.

    Überraschung, Sorge über die Verletzung, die sie ihm zugefügt hatte und die Freude über den Gewinn drohten sie zu übermannen. Sie ließ den Dolch los, um nicht weiter in das Fleisch zu schneiden und erhob sich. Sie richtete ihr Schwert auf den am Boden liegenden Markas.
    „Sieg für Abitheya“, sprach Dormas laut aus. Erst jetzt blickte sie zu den anderen Schülern und sah, wie sich die Überraschung auch in ihren Mienen widerspiegelte. Sie hatte gegen Markas gewonnen und somit genug Punkte, um zu den besten vier zu gehören. Dormas sprach das ebenso aus, doch sie hörte seine Worte kaum noch.

    Jannick setzte sich neben Abitheya. Die Sonne war bereits untergegangen und die vier Sieger der Entscheidungskämpfe bekanntgegeben: Markas und Abitheya gehörten zu ihnen, Jannick nicht.
    „Du weißt, dass er dich gewinnen ließ“, meinte er. Mittlerweile war er über seine Niederlage hinweggekommen. Abitheya ging nicht auf die Provokation ein, sondern nahm einen weiteren Schluck Wasser zu sich. Ihre Wade pochte noch immer, aber ein Verband hatte die Blutung gestoppt.
    „Das war ganz schön schlau von dir. Lässt dich von ihm ficken, damit er dir den Sieg schenkt“, stichelte er weiter. Vor einem Jahr noch hätte sie ihm den Becher ins Gesicht geschlagen, doch heute ließ sie sich von diesen Worten nicht mehr aus der Fassung bringen. Als er merkte, dass sie nicht darauf einging, legte er eine Hand auf ihren Schenkel. Sie wollte ihn von sich stoßen, doch in diesem Moment wurde er nach vor gerissen und seine Stirn knallte lautstark auf den Tisch.

    „Verschwinde, du Drecksack“, meinte Markas ruhig in die Stille hinein und nahm seine Hand von Jannicks Hinterkopf.
    „Eines Tages werde ich mich bei euch rächen“, gab Jannick von sich und rieb sich die Stirn. Aber er schlich sich davon. Abitheya grinste, während Markas den frei gewordenen Platz einnahm. Er kam gerade vom Medicus, der die Stichwunde genäht und verbunden hatte. Als er sein Bein über die Bank hob, verzog er kurz schmerzhaft das Gesicht.

    „Schade das Raskus nicht antreten konnte“, meinte Abitheya nachdenklich und sah auf ihren Wasserbecher. „Glaubst du, Jannick hat das alles eingefädelt?“
    Markas zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht, aber falls er das hat, brachte es ihm nicht viel. Ich rede nochmals mit Dormas, vielleicht bekommt Raskus noch seine Chance.“
    „Tu das und tut mir leid, wegen des Stiches.“
    „Ich werde es überleben, Theya. Du hast heute gut gekämpft“, erwiderte er und strich ihr zärtlich mit einem Finger über die Wange.
    „Ich hätte besser sein müssen“, murmelte sie nachdenklich. „Hast du mich gewinnen lassen?“
    Sie blickte zu ihm auf, doch er schüttelte den Kopf. „Nein.“
    Seine Augen sagten ihr jedoch etwas Anderes. Und somit war es wirklich so, wie Jannick es sagte. Sie hätte den Kampf verloren und er würde an ihrer Stelle zu den Gewinnern gehören. Es versetzte ihr einen Stich in den Magen. Markas bemerkte, dass sie die Wahrheit erkannte.
    „Denk nicht darüber nach! Das Wichtigste ist, dass du hierbleiben kannst. Hier bei mir.“
    Sie zog ihren Kopf zurück, sodass er sie nicht länger über die Wange streicheln konnte.
    „Was hat das zu bedeuten, Markas? Warum tust du das, warum lässt du mich eine Lüge leben?“, verlangte sie von ihm zu wissen. Obwohl sie leise sprach, war ihre Enttäuschung deutlich zu vernehmen.
    „Bist du wirklich so blind? Siehst du denn nicht, was ich für dich empfinde? Es würde mich umbringen, wenn du weggeschickt werden würdest“, gestand er. „Und außerdem hast du es viel mehr verdient, als Jannick oder irgendjemand anders.“
    Abrupt stand sie auf und ging nach draußen.
    „Theya!“, rief Markas

    Sie drehte sich nicht um, sondern hockte sich auf dem Sand des Übungsplatzes nieder. Heiße Tränen schossen ihr in die Augen und sie wischte sie zornig weg. Sie wollte es nicht. Weder wollte sie, dass Markas sich in sie verliebte, noch dass er ihr den Sieg schenkte. Und erst recht nicht, dass das eine das andere ergab. Nun war das Ergebnis, das sie erlangt hatte, bedeutungslos, denn es war eine Lüge. Wie konnte er ihr das antun? Sie würde Dormas die Wahrheit sagen, selbst wenn es für sie bedeutete, ihren Platz mit Jannick zu tauschen. Aber vielleicht konnte sie den Ausbildner davon überzeugen, Raskus ihren Platz zu überlassen. Das wäre nur fair. Entschlossen stand sie wieder auf.

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