Verrat

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  • Nebelschwaden durchzogen den Wald. Die Sonne war in den frühen Morgenstunden noch hinter dem Horizont und nur die Dämmerung spendete ein wenig Licht. Es war kühl und ruhig. Die Fauna schlief noch, genauso wie Mendred, Erijon, Parseval und die Männer der neu gebildeten Wolfsgarde. In der Mitte der Lichtung war das Lagerfeuer bereits ausgebrannt und rauchte nur noch schwach vor sich hin. Der Wachhabende streckte sich und freute sich schon darauf, bald seine wohlverdiente Rast zu bekommen. Dabei rasselte leise seine Rüstung.

    Schwarz gekleidete Reiter schnellten durch den Wald. Die Bäume flogen links und rechts an ihnen vorbei. Nebelschwaden wurden zerrissen. Sie wussten genau, wohin sie wollten und trotz ihrer Schnelligkeit bewegten sich die Pferde lautlos. Mit jedem Schritt wuchs die Bedrohung, die von ihnen ausging. Plötzlich wurden sie langsamer und hielten an. Die Reiter stiegen von den Pferden und schlichen zu der Waldlichtung, die sich vor ihnen zeigte. Männer schliefen in Feldbetten, nur eine einzige Wache streckte sich gerade an der bereits erloschenen Feuerstelle.

    Der Wachhabende legte sein gezogenes Schwer von einem Bein auf das andere. Das kühle Metall war bereit, jederzeit gegen eine Bedrohung vorzugehen. Hinter dem Mann materialisierte sich ein schwarzer Schatten. Mit einem Dolch holte der Schatten aus und stach der Wache in den Hals. Die zweite Hand legte sich auf den Mund, um den gequälten Aufschrei zu ersticken, bis das Leben aus dem Körper gewichen war. Die Waffe der Wache rutschte unbenutzt zu Boden.

    Andere Schatten bildeten sich bei den Feldbetten. Sie hatten ihre langen, dünnen Schwerter gezogen und die Spitze nach unten auf die ahnungslosen Männer der Wolfsgarde gerichtet. Als wären die Schatten eine einzige Person, stießen alle gleichzeitig zu. Die Klingen durchbohrten die Brüste der Schlafenden. Der Schmerz weckte sie, nur um sie in die Umarmung des Todes zu übergeben. Augen weiteten sich, ein See aus Blut benetze den bewaldeten Boden und die Schatten lösten sich auf. Zurück blieben die aufgespießten Körper und die Schwerter auf dessen Griffstück jeweils ein Löwenkopf prangte.
    Der Nebel wurde dichter und sperrte das wenige Dämmerlicht aus, bis der schreckliche Ort von Finsternis und dem Geruch des Todes umgeben war.

    Aegaria schreckte aus dem Schlaf auf. Sie hatte eine Vision, doch die Erinnerung daran drohte bereits zu verblassen, so flüchtig war sie. Ihre Brust schmerzte, als wäre sie von einem Schwert durchbohrt worden, doch auch dieses Gefühl verging rasch. Sie konzentrierte sich und versuchte das Gesehene wiederzuholen. Einzelne Bilder blitzten durch ihren Geist. Der Löwe, die von Klingen durchstoßenen Leiber der Wolfsgarde, die lautlosen Schatten. Ein Akt aus Dunkelheit heraus. Verrat.
    Sie schwang die Beine aus dem Bett und erhob sich. Die Dämmerung brach gerade erst an. Aegaria konzentrierte sich auf Mendred. Er lebte noch, das wusste sie, aber ebenso war etwas passiert und sie hatte es nicht vorausgesehen. War es gerade erst jetzt geschehen oder in der Nacht oder schon vor Tagen? Sie war sich nicht sicher. Doch sie musste es dennoch weitergeben.

    Mit dem Nachthemd bekleidet huschte sie aus ihrem Zimmer. Ihre nackten Fußsohlen bewegten sich lautlos über den Fußboden. Verrat! Wem konnte sie jetzt noch trauen? Sie ging an der fragend blickenden Wache vorbei und verließ das Haupthaus. Die Kälte kroch sofort unter das seidene Nachthemd, doch zum Nebenhaus waren es nur wenige Meter.

    „Ich muss sofort mit der Gräfin sprechen!“, erklärte sie dem Mann der das Nebenhaus bewachte. Er sah den Ernst in ihrem Blick und öffnete ohne zu fragen die Tür. Aegaria huschte hinein, klopfte am Schlafzimmer, doch sie konnte nicht warten und trat in den dunklen Raum. Das Weiß in Tsatsukas Augen spiegelte das wenige Licht wider. Sie würde wohl den Vater ihres Kindes nicht verraten?
    „Herrin! Mendred, Erijon und die Wolfsgarde wurden überfallen!“

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