~~ Tanz im Wind ~~

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  • Leyla schloss die Augen und atmete tief die frische Frühlingsluft ein. Die ersten Frühlingsblumen erwachten zum Leben, die Bäume ihre ersten Blätter. In der sanften Briese war immer wieder das freche Keckern von zurückgekehrten Vögeln zu hören. Das Mädchen öffnete wieder die Augen und folgte dem Pfad in den hinteren Teil des Gartens. Hier wuchsen vermehrt auch winterfeste Hecken und der Ort war nicht von überall einsehbar. Bestens für ihr Training geeignet. Bis zu ihrer nächsten Übungsstunde bei Lady de Saint würde es noch ein wenig dauern und sie wollte gut vorbereitet sein. Leyla beneidete ihren Bruder, welcher bei der neu gegründeten Wolfsgarde trainieren sollte. Außerhalb des Anwesens. Das war sicher sehr interessant und sie nahm sich vor, ihn, sobald er zurückkam, ausgiebig darüber zu befragen. Seine Abreise war so plötzlich gewesen, dass Leyla erst davon erfahren hatte, als ihr Bruder schon fort war. Gerne hätte sie sich verabschiedet.

    Leyla blieb stehen, als sie ihr ruhiges Fleckchen erreicht hatten. Sie hatte sich in einfache Hosen und Hemd gekleidet, darüber trug sie eine lockere Jacke. Sie hatte diese Zusammenstellung gewählt, um möglichst beweglich zu bleiben. Sie begann mit einigen Dehnübungen, dabei behielt sie ihr Umfeld im Blick. Sie machte sich keine Sorgen, dass ihr Vater sie hier hinten entdeckte, dafür arbeitete er zu viel. Allerdings gab es genug Leute, die sich gerne über gesehenes unterhielten und sie wollte nicht, dass Khaled erfuhr, dass sie heimlich Fechtfiguren übte. Sie hatte zwar keine Übungswaffe oder etwas ähnliches mitgenommen, aber die Postionen und Übungen waren deutlich erkennbar. Allerdings hatte sich Leyla natürlich einen Notfallplan zurecht gelegt. Sobald sie jemanden in der Nähe bemerken würde, so hatte sie sich vorgenommen, würde sie direkt in Tanzschritte übergehen. Was die Beinarbeit anging, war das sicher nicht verkehrt. Dass sie dies draußen tat, konnte sie ebenfalls erklären. Frische Luft war gesund und der Winter war lang genug gewesen.

    Leise kicherte sie, als der Wind sich in ihrem Haar verfing und ihre Sicht bedeckte, als sie in die Ausgangsposition gewechselt war. Im Augenblick war sie einfach zufrieden. Ihre Mutter war zurückgekehrt, Erijon ging es wieder besser und der Frühling nahte. Sie musste sich eingestehen, dass es tatsächlich manchmal die einfachen Dinge waren, die einen glücklich machen konnten. Sie machte eine Drehung, weil sie glaubte, eine Bewegung wahrgenommen zu haben, doch es schien nur das Flüstern des Windes gewesen zu sein. Als sie sich aber wieder umdrehte, saß ein Mädchen auf dem Mäuerchen und lächelte ihr zu. Leyla erkannte, dass es sich hierbei um das blauhaarige Mädchen Alierana, die bei Tante Tsatsuka zu Gast war, handelte. Bisher hatten sie nur wenige Worte gewechselt, obwohl Leyla sich fest vorgenommen hatte, sie kennen zu lernen.

    "Lasst Euch von mir nicht stören, junge Lady Ceos," wurde Leyla von der sanften Stimme des Mädchens begrüßt.
    Leyla nutzte ihren Schwung und machte einen Ausfallschritt in Alieranas Richtung, um vor dieser stehen zu bleiben. Sie wusste nicht genau, wie sie Alierana einschätzen sollte, doch sie schien wirklich nicht darauf aus zu sein, Leyla stören zu wollen.
    "Du bist Alierana, nicht wahr? Du kannst mich Leyla nennen," bot sie dem Mädchen, das wohl nur wenige Jahre älter als sie sein mochte, an.
    Alierana nickte lächelnd.
    "Danke, das ist sehr freundlich. Wenn Ihr... du deine Hüfte noch etwas verlagerst, verstärkst du dein Gleichgewicht noch etwas. Sieh deinen Körper nicht als Arme, Beine und Torso und so weiter an, sondern als eine Einheit als ganzes. Bewege dich wie ein Blatt im Wind, anstatt gegen ihn. Egal ob du nun tanzt oder fechtest."
    Rana lächelte, sie hatte das, was Leyla tat, direkt durchschaut. Leyla musterte sie einen Augenblick, es schien, als war ihr das, was Leyla tat, nicht fremd.
    "Übe ruhig weiter, ich gebe dir Bescheid, wenn sich jemand nähert."
    Alierana lächelte wieder, ihre Stimme klang sanft und freundlich. Leyla konnte nicht anders, als sich das blauhaarige Mädchen wie eine Windfee vorzustellen. Beinahe hätte sie ihren Gedanken sogar ausgesprochen, doch mit Sicherheit hätte sich Alierana daran nur erheitert, denn so etwas wie Windfeen gab es nicht. Zumindest glaubte Leyla nicht daran, dass es so etwas gab.

    Alierana war eine ruhige Zuschauerin. Normalerweise fühlte sich Leyla nicht wohl, wenn jemand zusah, besonders, wenn sie etwas heimliches tat. Alierana aber bemerkte man kaum, man spürte ihre Anwesenheit, doch sie war wie der Wind, einfach nur da, ohne zu stören. Leyla versuchte das, was sie gesagt hatte, in ihre Übungen einzubringen und es half ihr tatsächlich. Es fühlte sich immer natürlicher an, war weniger anstrengend und machte noch mehr Spaß. Fast vergaß sie die Zeit und als sie beschloss, dass es genug war, war Alierana verschwunden.

    Leyla strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und blickte auf das Mäuerchen, während sie sich darum bemühte, wieder zu Atem zu kommen. Als sie wieder etwas Ruhe gefunden hatte, trat sie auf das Mäuerchen dazu und kletterte hinauf. Sie erinnerte sich an Rieshiels Worte, dass Balance sehr wichtig war. Sie würde ihre Übungsstunde mit Balancetraining beenden. Inzwischen war sie darin schon recht gut geworden, denn das war etwas, dass sie am einfachsten üben konnte, ohne dass Heimlichkeit zwingend notwendig wäre. Zu Beginn war sie die kleine Mauer, deren Oberfläche nur eine Hand breit war, sehr wackelig entlang balanciert, mittlerweile fühlte sie sich so sicher, dass sie beinahe normal ihr entlang gehen konnte, selbst die Arme musste sie dazu nicht mehr ausstrecken. Sie hatte damit begonnen, einige Armbewegungen, die sie beim Fechten brauchen würde, auch auf der Mauer zu üben. Leyla blickte sich dabei noch einmal um, doch Alierana konnte sie nicht mehr entdecken. Allerdings war bisher auch sonst niemand gekommen, doch sie wusste, dass bald die Zeit anbrechen würde, in der die Gärtner ihre Arbeit aufnehmen würde. Deshalb sprang sie vom Mäuerchen hinab und lenkte ihre Schritte über den Pfad zurück zu dem Gebäude, in dem sich ihr Zimmer befand. Die Wolken am Himmel schmolzen weiter dahin, und die Sonne erkämpfte sich erfolgreich die Vorherrschaft, das Ziel, den Frühlinging endgültig einzuläuten, war fast erreicht.

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