Blut & Sand, Teil 8

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  • In einem fernen Land im Jahr 94

    „Dormas!“, rief Abitheya, die den muskulösen Ausbildner gerade noch erwischte, bevor er sich für den Abend zurückzog. Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um, die Augenbrauen fragend erhoben.
    „Wieder ein Angriff?“, wollte er wissen, doch sie schüttelte den Kopf.
    „Nein, es geht um mich. Hast du einen Moment Zeit?“
    Er seufzte, aber deutete in sein Quartier. Es war etwas größer als die Zellen der Schüler. Er bot Abitheya den Stuhl an und ließ sich selbst auf dem Bett nieder.

    „Danke. Mein letzter Kampf, also der mit Markas, ging nicht so aus, wie er ausgehen sollte. Markas hat mir gesagt, dass er mich gewinnen ließ, damit ich unter den besten vier bin. Ich wusste das vorher nicht und ich will auch nicht wegen solch unfairen Mitteln weiterkommen.“ Sie sprach schnell und aufgeregt und mit den Worten kam die Wut über diese Lüge ebenfalls wieder hoch.
    „Und was willst du jetzt?“, fragte Dormas ruhig, von der Offenbarung nicht überrascht.
    „Ich will, dass der Kampf so zählt, als hätte Markas gewonnen, auch wenn das bedeuten würde, dass Jannick meinen Platz bekommt. Da er aber Raskus angegriffen hatte, sollte Raskus meinen Platz bekommen. Er ist sowieso besser als Jannick. Oder lass die beiden gegeneinander antreten und wähle den Sieger.“

    Dormas lachte tief grollend und schüttelte dabei den Kopf. Diese Geste führte nicht dazu, dass Abitheya sich beruhigte, sondern sie sprang sogar vom Stuhl auf.
    „Was ist daran lustig?“, verlangte sie zu wissen. Dormas wurde augenblicklich wieder ernst und seine dunklen Augen sahen sie streng an.
    „Deine Naivität, Kindchen!“ Noch bevor sie entrüstet reagieren konnte, hob er warnend eine Hand. „Das Leben ist vieles, aber sicherlich nicht gerecht. Du hast den Kampf gegen Markas gewonnen und musst mit diesem Ergebnis zurechtkommen. Glaubst du wirklich, dass ich nicht erkannt habe, dass er dich gewinnen ließ, hm?“
    Tatsächlich war ihr das noch nicht in den Sinn gekommen, so logisch es auch war und das bedeutete, dass er sie wirklich damit durchkommen ließ. Somit war das Gespräch nutzlos.

    „Das ist doch Unsinn“, schimpfte sie dennoch.
    „Das Leben hat dir heute diese Karten zukommen lassen, also spiele mit ihnen und hör auf zu jammern“, wies Dormas sie an. „Die Arena wird dir noch ein paar knallharte Lektionen erteilen und entweder du wirst gut genug sein oder sterben. So oder so wirst du Gerechtigkeit erfahren.“
    Sie nickte leicht. Zwar war sie noch immer nicht einverstanden, aber durch den roten Schleier der Wut hindurch erkannte sie die Richtigkeit seiner Worte.
    „Und Raskus muss auch damit leben, dass er Opfer von Jannicks Angriff war und somit nicht zu den Kämpfen antreten konnte?“
    „Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich ein Opfer ist“, meinte der Ausbildner. „Er hatte ein scharfes Metallteil bei sich und das unterstützt Jannicks Worte.“
    „Jannick hätte ihn nie überwältigen können, wenn das wirklich eine Waffe gewesen wäre.“
    Dormas zuckte leicht mit den Schultern. „Sobald es um Markas, Raskus oder Jannick geht, siehst du nicht mehr klar, also verschwende keine Gedanken mehr daran, denn die Würfel sind gefallen.“
    Abitheya schnaubte. Aus ihrer Sicht machte es Dormas sich zu einfach, doch sie konnte nichts tun, um an seiner Entscheidung zu rütteln.
    „Geh in deine Zelle zurück und richte deine Augen nach vorne. Akzeptiere, was dir geschenkt wurde und erweise dem Geschenk, dir und der Sekolah Ehre, indem du dich in der Arena nicht gleich abschlachten lässt.“
    Sie wollte Dormas widersprechen. Sie wollte ihn fragen, wie sie einer Lüge Ehre erweisen könnte. Sie wollte, dass er ebenso wütend über Markas Handlung war, wie sie selbst, doch mit einer simplen Geste scheuchte Dormas sie hinaus.

    Abitheya konnte einige Stunden lang nicht einschlafen und als sie am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich wie aufgefressen und wieder ausgespuckt. Zumindest schmerzte ihre verletzte Wade nicht mehr. Es dauerte einige Momente, bis sie bemerkte, dass es noch vor Sonnenaufgang war und sie von einem sanften Rütteln geweckt wurde.
    „Abitheya?“ Die Stimme war leise, zaghaft. „Abitheya, du musst aufstehen.“
    Sie öffnete die Augen und erkannte Josie, eine der Haussklavinnen. Josie kannte sie schon von früher, als sie selbst noch im Haus tätig war. Sie war unscheinbar aber stets ergeben und freundlich gewesen, wie es von ihr erwartet wurde.
    „Was machst du da?“, fragte Abitheya mit brüchiger Stimme.
    „Wir müssen euch waschen und für die Zeremonie vorbereiten. Komm jetzt, steh auf, wir haben nicht so viel Zeit.“

    Eine Stunde später war Abitheya so sauber, wie schon lange nicht mehr. Josie hatte sogar Schwamm und Seife mitgebracht und jedes kleine Stückchen Haut abgerubbelt und mit einer Rasierklinge die Körperbehaarung entfernt. Es war Abitheya unangenehm gewesen, so behandelt zu werden, als wäre sie eine Herrin und Josie ihre Sklavin, doch diese versicherte ihr mehrmals, dass sie genaue Anweisungen erhalten hatte.
    Nachdem sie mit dem Bad fertig war, wurde Markas von einer anderen Sklavin in den Waschraum gebracht und erfuhr die gleiche Pflege. Abgesehen von der Begrüßung sprach Abitheya kein Wort mit ihm.

    Josie ölte Abitheyas Körper ein, bis all ihre Muskeln glänzten. Diese Behandlung war überraschend angenehm und entspannend gewesen. Zum Abschluss gab sie ihr einen neuen Lendenschurz und ein ebenso neues Brustband.
    „Zieh dir das an und bleibe sauber, bis ich dich wieder holen komme. Ich muss mich um den nächsten kümmern“, wies Josie Abitheya an. Die frisch gesäuberte Schülerin nickte, zog sich an und kehrte zu ihrer Zelle zurück. Sie setzte sich vorsichtig auf das Bett und wartete. Die Zeit schien sich endlos zu strecken und sie wäre gerne hinaus auf den Trainingsplatz gegangen, doch der Sand würde sofort auf ihrer öligen Haut anhaften. Zudem brachte die Ruhe erneut die Gedanken hervor, die sie schon nicht schlafen ließen. Wie sollte sie mit Markas in Zukunft umgehen? Und was hat Raskus wirklich getan?

    Kurz vor Mittag war es endlich soweit. Markas, Arif, Henricus und Abitheya, die vier Gewinner aus den Entscheidungskämpfen, wurden von den Sklaven abgeholt und gemeinsam mit Dormas in das Haus geführt. In der Haupthalle mussten sie sich nebeneinander aufstellen. Die Halle war imposant mit dem weißen Marmorbecken und den Säulen, die das Dach trugen. Der Stein sorgte auch dafür, dass es hier angenehm kühl blieb. Dormas hatte seitlich der vier Schüler Stellung eingenommen.
    Josie korrigierte bei Arif und Markas die Haltung und bei Abitheya band sie den Zopf neu zusammen, da sich ein paar vereinzelte Haare gelöst hatten. Am Ende standen sie da, wie glänzende Kunstobjekte, die in der Halle ausgestellt wurden. Josie verschwand und kurz darauf trat Aureliano Marin, der Besitzer der Sekolah, ein. Er hatte einen silbernen Teller in der Hand, auf dem vier Bänder lagen. Er trat heran und überreichte Dormas den Teller.

    „Es freut mich, vier weitere Schüler zu Gladiatoren zu ernennen“, sprach Aureliano. „Ihr vier habt euch als die geschicktesten und besten Kämpfer unter den derzeitigen Schüler erwiesen und jeder einzelne von euch wird ein großartiger Gladiator werden und mich und die Sekolah mit Stolz erfüllen.“
    Er nahm das erste Band vom Teller und trat an Abitheya heran. Das Band bestand aus zwei weichen, schwarzen Lederschnüren, die in ein Metallplättchen eingeknüpft waren, auf dem die Worte „Sekolah Marin“ eingraviert waren. Wie ihr zuvor erklärt wurde, hob Abitheya die linke Hand und präsentierte das Handgelenk. Aureliano legte ihr das Armband an und verknotete es. Diesen Vorgang wiederholte er bei den anderen drei Schülern.

    „Ab sofort dürft ihr euch Gladiatoren nennen und seid keine einfachen Sklaven und Schüler mehr. Ihr erhaltet für jeden Sieg einen Anteil am Gewinn. Silber, dass ihr für eure Bedürfnisse ausgeben dürft. Gebt stets euer Bestes und bringt viele Siege und mit ihnen Ruhm und Ehre!“
    Nach der kurzen Ansprache nahm er den Silberteller wieder an sich und verließ die Haupthalle. Abitheya konnte geradeso ein Stirnrunzeln vermeiden, denn nachdem sie den ganzen Vormittag über vorbereitet wurde und warten musste, hatte sie sich mehr erwartet als nur so wenige Worte.

    „Ihr habt euren Herren gehört“, sprach nun Dormas. „Benehmt euch stets anständig und zeigt auf dem Sand der Arena, was ihr gelernt habt und die Siege werden euch gewiss sein.“ Er klatschte zweimal in die Hände. „Kommt Gladiatoren!“

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